Herdebuch Allgäu Marktanmeldung

Aktuelles

Tierwohl bei der Arbeit mit Rindern - Low Stress Stockmanship mit Phillip Wenz

Unter dem sperrigen Namen „Low Stress Stockmanship“ konnten wir uns als AHG Mitarbeiter noch wenig vorstellen. Umso interessanter waren die Ankündigungen auf der Homepage des vorgesehenen Referenten. Verspricht Herr Philipp Wenz doch eine stressfreie, einfache Methode um Rinder zu treiben, zu separieren und vor allem das Unfallrisiko mit Tieren deutlich zu senken. Vor dem Hintergrund, dass auf den Alpen und Weidehöfen der AHG über 2.000 Rinder mit sieben Stieren ihren Sommer verbringen, war dies für die Hirten, Weidewärter, Mitarbeiter, Vorstände und den externen Sicherheitsbeauftragen der AHG ein interessantes Thema.

So fand sich am 31. Juli eine bunt gemischte Gruppe in einer Gaststätte in Urspring ein. Hier wurden von Herrn Wenz in einem umfangreichen theoretischen Teil die Grundlagen des Tierverhaltens, der Umgangsformen mit Tieren und intervenierende Maßnahmen erläutert. Schließlich ging es ja darum für Mensch und Tier kontrollierbare Situationen in der täglichen Arbeit zu schaffen, Stress und Fehlverhalten weitestgehend zu minimieren. Kurzum die Kontrolle bei der Arbeit von Mensch und Tier zu behalten. Als Voraussetzung dafür wurde der Begriff „qualifiziertes Vertrauen“ geprägt. Er beinhaltet auf der einen Seite den nötigen Respekt und die damit einhergehende Distanz, auf der anderen Seite das notwendige Vertrauen mit der entsprechenden Nähe. In diesem Spannungsfeld funktioniert das „gute Arbeiten“ mit Tieren, während Abweichungen davon Angst und Panik oder Unfälle mit den Tieren auslösen können. Im zweiten Teil referierte Herr Wenz über die Grundregeln „tierischen“ Verhaltens.

  1. Tiere wollen sehen was/wer sie treibt
  2. Tiere gehen dorthin, wohin sie schauen
  3. Bewegung erzeugt Bewegung
  4. Tiere haben wenig Geduld
  5. Tiere haben nur eins im Sinn

Die scheinbar einfachen Grundregeln wurden ergänzt mit den Blick- und Bewegungszonen des Rindes. Um das Tier jetzt beeinflussen zu können waren die Position des Treibenden, der Winkel, die Geschwindigkeit und das Timing/Haltung entscheidend. Die Mitarbeiter und Vorstände konnten dazu einige praktische Erfahrungen aus dem Alltag beitragen, was wiederum zu interessanten Diskussionen führte.

Nachdem wir theoretisch selbstverständlich alles verstanden hatten ging es auf die Weide an den Tannenhof. Dort warteten 20 Rinder, Braunvieh und Schwarzbunt als zwei Gruppen auf einer Fläche, mit Stier in der Nachbarkoppel auf die Teilnehmer. Jetzt wollten wir sehen, wie der Referent treiben besser beherrscht als wir ?!

Herr Wenz lief lockeren Schrittes ruhig auf und ab, beide Hände in der Hüfte und erklärte uns wie er jetzt die vorgestellten Einflußmöglichkeiten umsetzt. Innerhalb kürzester Zeit trieb er die zwei Gruppen zu einer zusammen und anschließend quer über die Weide. Gleich darauf „parkte“ er sie in einer Ecke des Feldes, die mit einer Zaunlize vorgezäunt war. Wir rechneten jetzt aus sicherer Distanz schon mit den ersten durchbrechenden Rindern, aber nichts passierte. Völlig ruhig trieb Herr Wenz diese wieder aus der Ecke und „parkte“ sie wiederum an einer Erhebung im Feld. Faszinierend war die absolute Ruhe der Tiere sowie der minimale Aufwand von Herrn Wenz, der die Tiere nur durch langsame Schritte und Distanz/Nähe manipulierte (mit beiden Händen in der Hüfte!!!). Selbst unsere Weideprofis waren von der Vorführung beeindruckt. Herr Wenz nahm jeden einzelnen Teilnehmer und übte mit ihm die Bewegungen und das Vorgehen. Der erste Tag ging bereits mit reichlich staunendem Publikum zu Ende.

Am zweiten Tag wurde das Thema „Weidestiere“ explizit behandelt. Dabei erläuterte er die natürliche Aufgabe der Tiere, nämlich die Herde zusammen zu halten, das niedrigere Bewegungstempo der Stiere und die erhöhte Sensibilität im vgl. zu weiblichen Rindern. Als Hauptabgangsursache der Weidestiere erläuterte er eine falsche „Mensch – Tier“ Beziehung. „Fassen Sie ihre Tiere nicht an!!!“ So das sich wiederholende Credo von Herrn Wenz. Nur so bleibe der natürliche Respekt der Tiere vor dem Menschen erhalten. Und als zweiten zentralen Punkt mahnte er an, die Stiere schon im Jugendalter auf der Weide zu treiben. Nur so ergibt sich ein dauerhafter und sicherer Umgang. Er belegte dies unter anderem auch mit dem höheren Alter von Stieren in Mutterkuhherden, als von Zuchtstieren.

Beeindruckende Videos von der Arbeit mit Stieren, rundeten den zweiten Vormittag ab. Unsereins hätte bei 99 Prozent der Situationen die Flucht ergriffen.

Im zweiten Praxisteil hatten wir 20 Rinder incl. Stier im Laufhof bereit gestellt. Herr Wenz zeigte uns praxisorientiert wie er Stier und Rinder leitet. Anschließend baten wir Herrn Wenz die nervösen HF Rindern einzeln auszusortieren. Innerhalb weniger Minuten befanden sich diese im angrenzenden Weg. Die einzelnen Teilnehmer konnten sich von Herrn Wenz nochmals begleiten lassen und die Tiere in der gewünschten Form treiben oder separieren. Besonders beeindruckend war während der beiden Praxisvorführungen die Ausgeglichenheit der Herde.

Stressfreie Tierverladung im Sinne des Tierwohls:

Herr Wenz demonstrierte uns wie er in relativ kurzer Zeit Tiere auf einen Hänger verladen kann. Durch den schonenden Umgang wurde zum einen die Neugierde der Tiere durch kennen lernen der Rampe befriedigt und zum anderen in kurzer Zeit das Besteigen der Klappe in den Hänger vorgenommen.

Alles in allem eine gelungene Veranstaltung, welche die Teilnehmer in Sachen einfaches Handling von Rindern, Arbeitssicherheit und Zeitersparnis deutlich vorangebracht hat.

Thomas Bechteler AHG

Koordiniertes Treiben von Rindern

Selektion von einzelnen HF Rindern

erwarteter "Durchbruch" der Rinder

"geparkte" Tiere